Löffelmeter meets Jimmy Kneipp in Zeiten von Corona

Viele Gastronomen der Region fürchten derzeit um ihre Existenzen und müssen sich kreative Wege überlegen, um dieses Desaster halbwegs unbeschadet zu überstehen. Während viele Restaurants und Speiselokale spontane Lieferservices oder Take-Aways aus dem Ärmel gezaubert haben, um so zumindest einen kleinen Teil ihrer Umsätze aufrecht erhalten zu können, haben Inhaber von Bars und Kneipen diese Option nicht. Jimmy Kneipp vom berüchtigten Rohrbacher Fandango wollte dennoch nicht untätig sein, und hat gemeinsam mit Gästen und Freunden ein Netzwerk aufgebaut, um denen zu helfen, die in der aktuellen Lage ihr Haus nicht verlassen dürfen, können oder wollen. Das Team, das Jimmy koordiniert, geht für diese Menschen einkaufen, mit dem Hund an die Luft oder liefert Essen aus Altenheimen an Senioren, die in ihren vier Wänden ausharren. Wir haben ihn per Video-Anruf zu dieser tollen Aktion befragt. 

Wann kam Dir die Idee dazu? 

„Eigentlich schon relativ schnell. Ich habe ja schon am Montag letzter Woche proaktiv beschlossen, das Fandango zu schließen. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt meiner Entscheidung noch keine offizielle Ansage dazu gab. Die kam erst einige Stunden später. Mir war schnell klar, dass wir auf unbestimmte Zeit dicht machen müssen. Einfach nichts tun, ist aber in der jetzigen Situation keine Option, da fällt einem ja die Decke auf den Kopf. Die Idee, diese Zeit zu nutzen, um denen zu helfen, die aktuell Hilfe brauchen, lag auf der Hand. Außerdem haben mich einige meiner älteren Stammgäste besorgt gefragt, ob sie denn jetzt wirklich zuhause bleiben sollten. Ihnen habe ich dazu geraten und sofort gesagt, dass ich für sie einkaufen würde. 

Wer macht alles mit? 

„Zum einen natürlich ich, aber auch viele Freunde und sogar Stammgäste, die sofort auch ihre Hilfe angeboten haben. Wenn man den Virologen glauben schenkt, stehen wir ja leider erst am Anfang der Pandemie. Falls jetzt also noch eine große Welle kommt und somit vielleicht auch Panik unter den Menschen, die zum Beispiel zu einer Risikogruppe gehören, sind wir sehr gut aufgestellt. Ich glaube, der Bedarf an Hilfe ist da, viele, gerade ältere Menschen sind verunsichert.“

„Mittlerweile erledigen wir für ein Dutzend Menschen Einkäufe, haben schon geholfen eine Wohnung für eine Risikopatientin zu finden, die wegen eines Corona-Falles in ihrer WG eine neue Bleibe gesucht hat. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft bei den Vermietern war beeindruckend.“

Im Moment verdienst Du nichts. Machst Du Dir große Sorgen?

„Es geht. Glücklicherweise habe ich ein paar Rücklagen, wenn auch nicht viel. Es bleibt jetzt abzuwarten, wie lange das alles dauern wird. Die Hilfe für Gastronomen habe ich beantragt. Bislang habe ich noch keinen meiner vier Angestellten entlassen. Und ich will, dass das so bleibt. Für Kollegen ohne Rücklagen kann das hier alles böse enden. Gerade die Wirte, die nicht viel verdient haben und ihre Betriebe mit Leidenschaft führen, wird es wahrscheinlich eng. Ich hoffe, dass sie auch einen Weg finden, diese schwere Zeit zu überstehen. Alles andere wäre für die gastronomische Landschaft fatal. Und ich sorge mich natürlich um einige meiner Stammgäste. Zwei von ihnen sind zum Beispiel dement – für sie fällt ohne das Fandango gerade ein wichtiger Teil ihres Tagesablaufes weg. Wieder andere haben sonst nicht viel Zuspruch. Bei vielen rufe ich auch persönlich an, erkundige mich, wie es ihnen geht.  Ich fühle ich mich für sie verantwortlich. “ 

Hast Du über einen Fandango-Lieferservice nachgedacht? So im Sinne von Herren-Gedeck frei Haus?

„Alk nach Hause? Nicht wirklich. Ich weiß nicht, wie wichtig das gerade ist. Hilfe ist in jedem Fall wichtiger. Wir sind keine normal Kneipe – das Fandango ist Anlaufstelle, Wohnzimmer, Treffpunkt, offenes Ohr und für viele hier eine soziale Instanz. Einigen Nachbarn sind wir ein Dorn im Auge, aber wer weiß, vielleicht sehen auch diese Menschen uns dann mit anderen Augen. Ich würde es mir wünschen.“ 

 Du bist ein sehr positiver Mensch. Siehst Du vielleicht auch in dieser Krise etwas Positives, was den Menschen Mut machen könnte? 

„Schwer zu sagen. Immerhin stehen hier Existenzen auf dem Spiel, aber dennoch – die Solidarität gerade ist riesig! Man spürt überall, dass diese Ausnahmesituation uns alle  verändert, und das meist zum Besseren. Die Menschen achten gefühlt mehr aufeinander und sorgen sich umeinander. Für mich ist in jedem Fall positiv, dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt, ich und meine Helfer etwas Gutes tun. Das ist ein Stück weit auch ein bisschen Selbst-Therapie, um nicht bekloppt zu werden. Was mich wirklich antreibt und glücklich macht, ist die Dankbarkeit, die einem entgegen gebracht wird. Wenn ich einer entzückenden Omi ihre Einkäufe bringe und sie sich total darüber freut, ist das unbezahlbar und lenkt auch mich natürlich ein bisschen ab.  

In ganz Rohrbach hängen Flyer mit einer privaten Handynummer, damit sich wirklich jeder melden kann, der Unterstützung braucht. Die Anrufe werden mehr. Manchmal rufen mich auch Menschen an, die einfach nur reden wollen. Und auch das ist wichtig.

Jede Krise ist immer auch eine Chance. Ich wünsche mir sehr, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet, und dass wir den Umgang miteinander überdenken. Es wäre schön, wenn wir diese Zeit irgendwie nutzen, denn irgendwann kommt auch der „Day after Corona!“ Das wird ein Fest! 

Kontakt: Jimmy Kneipp, Tel: 0152-26781495, E-Mail: jimmy.kneipp@web.de