…Kiosk

Zusammen mit tactually – soul shopping hat sich der Löffelmeter aufgemacht die Untiefen der Kiosk-Kultur in Heidelberg und Umgebung zu ergünden.

 

Das Kiosk, welches als schlichter Verkaufsstand in Deutschland schnell Erfolge feierte, vieler Orts als Trinkhalle zu Ruhm gelang und mittlerweile aus bewohnten Gebieten kaum noch weg zu denken ist, hat, ob seiner charakteristischen Offenheit den unangefochtenen Status einer Hochburg der Kommunikation gefestigt, ist eine Buschtrommel par excellence und ein lokaler Treffpunkt schlechthin.

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An diesem Ort der Begegnung wird gequatscht, kurz innegehalten, sich nachbarschaftlich ausgetauscht, man trinkt mal kurz einen Kaffee, raucht gemeinsam eine Zigarette, tauscht sich über dies und das aus und deckt sich ganz nebenbei, gewollt oder aus Versehen mit Notwendigem oder auch Nützlichem ein. Und als es noch Tante Emma Läden gab, war das Kiosk ein kongenialer Partner, welcher für multiple Versorgung stand.
Hier, beim Kiosk, bekam man noch alles, was gerade ausgegangen war und was man jetzt dringend benötigte: ein Bier, Zigaretten, was Süßes, was zum Lesen oder einfach auch nur ein nettes Schwätzchen über Bekanntes und Gewohntes. Ein kurzer Ausflug raus aus den eigenen stillen, vier Wänden, hin zum wohligen Austausch mit Bekannten über vertraute Themen in naher Umgebung wurde zum Mittel!
Und viele dachten es würde ewig so weiter gehen! „Eine sichere Sache sei ein Kiosk.“ „Da kann man nichts falsch machen.“ „Das braucht man doch immer.“ „Wo sollen wir denn sonst hingehen….?“
Und dann wurden überall Fahrscheinautomate gebaut, die Lockerung des Ladenschutzes wurde zunehmend forciert, Zigaretten bekam man plötzlich überall, Kneipen verließen die Gosse, Tankstellen verkauften nicht nur Benzin und auf einmal konnte man auch noch Zeitungen im Computer lesen.
Dem Kiosk wurde unweigerlich und von allen Seiten das Wasser rapide und erbarmungslos abgegraben. Ein einstiges Monopol wankte, wurde ohne Vorsatz degradiert, schleichend dezimiert…..und doch, lässt sich diese einmalige Institution nicht ganz eliminieren und mit verschiedenen Mitteln und Einstellungen passen sich die Betreiber den jeweiligen Situationen mutig an.

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So rückt beim „Kiosk Ziegler“ im Ahornweg 1 (Hasenleiser) der Verkauf von Zeitschriften extrem in den Hintergrund und wird ausgefüllt durch Brötchen mit Blutwurst, einem verrauchten Aufenthaltsraum und natürlich dem Charakter einer Eckkneipe! Es wird auf engem Raum Fussball geguckt, ordentlich Bier aus der Pulle getrunken und in bester und direktester Manier wird hier ohne Unterlass über vieles, mehr und Altbekanntes philosophiert. Unter überdachter Terrasse kann man hier den Tag verstreichen lassen, Schüler decken sich mit viel Süsskram ein, die Nachbarschaft lässt sich gerne mal sehen und Stammtische finden hier eigentlich jeden Tag statt.

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Wie auch beim Treff am TÜV, welcher sogar mit schönem Biergarten, ordentlich portioniertem Tagesessen, Spielautomaten und einer überraschend gut sortierten Auswahl an Whiskeysorten lockt. Abgelegen im Wieblinger Gewerbegebiet findet sich hier Woche für Woche eine treue Kundschaft ein. Es wird über Nachrichten im Fernsehen schwadroniert, Gesundheitszustände werden abgeglichen und die Klinke zum Raucherraum bleibt selten kalt. An dieser ehrlichen Institution, welche jetzt schon in der zweiten Generation geführt wird, ist die Zeit ein klein wenig stehen geblieben und so wundert es auch niemanden, wenn hier wie selbstverständlich Korea und Dopsi bestellt werden.

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Vom Zahn der Zeit angenagt und in seinem Angebot fast schon asketisch, hält der freundlich Herr in seiner „Kiosk-Kabine“ in der Heinrich-Fuchs-Straße (Rohrbach) mit stoischer Gelassenheit die Stellung. Hossein Shariat-Razawi, gelernter Bauingenieur, wollte als er erwerbslos wurde nicht zu Hause bleiben. „Was sollte ich denn da ?“ Also entschloss er sich vor fast dreizehn Jahren diesen kleinen Kiosk zu kaufen und betreibt ihn seitdem mit Hingabe. Als das Altenheim um die Ecke noch da war, gab es sehr viel Kundschaft und mit seinen Kunden sprach er über Gott und die Welt, doch, so fährt er mit einem Achselzucken weiter: „Seit die weg sind hab ich weniger zu tun.“ Und so hockt er weiter mit Kopfhörern in seiner Kabine, winkt hin und wieder bekannten Gesichtern freundlich zu und für ein nettes Schwätzchen schiebt er gerne die wackelige Glasfront zur Seite.

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Ähnlich optimistisch ging es die Blumenfrau Andrea Ambergs an, als Sie am Eichendorfplatz (Rohrbach) dem stillgelegten Kiosk im Jahre 2014 neben ihrem Blumenladen neues Leben einhauchte. Es wurde renoviert, eine kleine Terrasse installiert und flugs bot man direkt an der Haltestelle Kaffee, Belegtes, Zeitung und Süsskram an. Doch schnell wurde offensichtlich, dass es wenig rentabel war und so wurde das niedliche Kiosk an eine ältere Dame aus der Nachbarschaft abgegeben. Und ganz unsentimental und frei heraus gab Sie beim Kaffee machen Preis: „Ich will den Kiosk nicht mehr! Hab mir was anderes vorgestellt! Wenn ihn jemand haben will, kann er morgen die Schlüssel haben!“

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Nicht ganz so mutlos, aber mit einer gehörigen Portion Humor nimmt es Brigitte Layer mit ihrem Kiosk an der Ecke Hildastraße/Kaiserstraße in der Weststadt. Das Kiosk mit dem schönsten Eingang nördlich der Alpen betreibt Frau Layer in dieser Form schon seit fünfundzwanzig Jahren und bietet neben Zeitschriften, Zigaretten, Getränken, Lotto, auch einmal die Woche frische Eier vom Schwabenheimer Hof und im Nebenraum einen Treffpunkt für Gleichgesinnte. Hier setzt man sich gerne schon mal vormittags bei einem Bier oder einem Glas Wein auf die Eckbank zusammen, hört Radio, erzählt sich alte Kamellen und raucht dabei noch ganz frei in einem geschlossenem Raum. Und als gerade Kistenweise Bier in den Nebenraum getragen werden, meint ein Gast aus dem Off mit stolzer Stimme: „Des hier is halt noch ä Rückzugsort für uns Malocher in der Weststadt! Net do etepetete Kaffee trinkä!“ Mit einem beseelten Blick und mit einem leichtem Seufzen ergänzt die Chefin der Herrenrunde, Frau Layer: „Ich mach das ja auch nur damit ich net zu Hause rumsitze! Was soll ich denn do?“

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